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RECAP

FREELENS im Rahmen des »Les Rencontres d'Arles 2026«

Foto: Finn Jahnke

Sechs fotografische Positionen, drei Artist Talks, zwei Eröffnungen und viele Gelegenheiten für Austausch: Während der Eröffnungswoche der Les Rencontres de la Photographie war FREELENS auch 2026 wieder in Arles vertreten.

Anfang Juli wird Arles zum Treffpunkt der internationalen Fotografieszene. Ausstellungen, Bücher, Gespräche und spontane Begegnungen bestimmen für einige Tage den Rhythmus der Stadt. Auch wir waren wieder vor Ort – mit einer Ausstellung, einem vielseitigen Rahmenprogramm und viel Vorfreude auf den Austausch mit Kolleg*innen, Künstler*innen und Besucher*innen.

Im Mittelpunkt unserer diesjährigen Präsentationen stand die Ausstellung »Lines of Relation«, die seit dem 6. Juli und noch bis zum 04. Oktober 2026 im Fotohaus ParisBerlin in der Fondation Manuel Rivera-Ortiz zu sehen ist. Kuratiert von David Kern (FREELENS Young Professional und HPR), versammelt sie sechs fotografische Positionen von FREELENS und der Hamburg Portfolio Review.

FREELENS und die Hamburg Portfolio Review waren in diesem Jahr auch als Plakate auf den Straßen von Arles zu sehen. Foto: David Kern

Dienstag, 7. Juli: Künstlerische und familiäre Perspektiven

Den Auftakt unseres Rahmenprogramms machten Nina Röder und Ingo Taubhorn. In ihrem Artist Talk sprachen sie über ihre fotografischen Arbeiten, ihre künstlerischen Strategien und ihre kuratorischen Erfahrungen.

Beide verbindet eine intensive Auseinandersetzung mit biografischen und gesellschaftlichen Fragen. Nina Röder arbeitet mit fotografischen Inszenierungen, performativen Elementen und familiären Erzählungen. Erinnerung, Verlust und weitergegebene Traumata werden in ihren Arbeiten über Körper, Gesten, Gegenstände und Landschaften sichtbar. Ingo Taubhorn beschäftigt sich sowohl in seiner künstlerischen als auch in seiner kuratorischen Praxis mit Familie, Identität, Gender und Queerness. Das Gespräch brachte damit zwei Perspektiven zusammen, die Fotografie nicht allein als Abbild, sondern als Medium persönlicher, historischer und gesellschaftlicher Befragung verstehen.

Nina Röder und Ingo Taubhorn geben einen Einblick in ihre künstlerische Praxis. Foto: Finn Jahnke

Am Abend rückte dann unsere Ausstellung selbst in den Mittelpunkt. Bei einem kleinen Pre-Opening führten wir gemeinsam durch »Lines of Relation« und kamen mit Antine Karla Yzer und Alex Bex über ihre Arbeiten ins Gespräch.

Antines Auseinandersetzung mit weitergegebenen Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und Alex’ fotografische Untersuchung des Cowboy-Mythos scheinen zunächst weit auseinanderzuliegen. Im gemeinsamen Gespräch wurde jedoch sichtbar, wie stark beide Projekte von Bildern und Erzählungen handeln, die innerhalb von Familien und Gesellschaften über Generationen weitergegeben werden. Es ging um Schweigen und Erinnerung, um Vorstellungen von Männlichkeit und Stärke – und darum, wie Fotografie solche Prägungen sichtbar machen und neu zur Diskussion stellen kann.

Das Pre-Opening bot einen konzentrierten Rahmen, um die Ausstellung nicht nur zu betrachten, sondern gemeinsam mit den Künstler*innen über ihre Entstehung, ihre Hintergründe und die offenen Fragen der Arbeiten nachzudenken.

Mittwoch, 8. Juli: Das ganze Haus öffnet seine Türen

Am Mittwoch folgte die große gemeinsame Eröffnung der Fondation Manuel Rivera-Ortiz und des Fotohauses ParisBerlin. Alle Ausstellungen des Hauses öffneten am Abend offiziell ihre Türen.

Auch für uns war der Abend eine schöne Gelegenheit, bekannte Gesichter wiederzusehen, bestehende Verbindungen zu vertiefen und neue Kontakte zu knüpfen. Zwischen den ausgestellten Arbeiten, kurzen Begegnungen und längeren Gesprächen wurde deutlich, dass ein Festival wie Arles nicht nur von seinem Programm lebt. Es lebt vor allem von den Menschen, die zusammenkommen, ihre Erfahrungen teilen und Fotografie gemeinsam weiterdenken.

Foto: Finn Jahnke

Donnerstag, 9. Juli: Familiengeschichten und politische Bildwelten

Der Donnerstag brachte zwei sehr unterschiedliche Präsentationen zusammen – und zeigte damit noch einmal die große inhaltliche Spannweite des fotografischen Erzählens.

Amelie Sachs stellte gemeinsam mit Grafiker Paul Spehr (www.studiospehr.com) die Publikation »was geschehen und nie geschehen ist« vor, die gemeinsam mit der Fotografin Paulina Metzscher und der Autorin und Filmemacherin Eva Gemmer entstanden ist. Das fotografisch-dokumentarische Projekt beschäftigt sich mit den Familiengeschichten von Menschen, die von staatlich organisierten Zwangsadoptionen in der DDR betroffen waren.

Künstlerische Fotografien, private und institutionelle Archivmaterialien sowie dokumentarische und poetische Texte werden in der Publikation miteinander verbunden. So entsteht keine abgeschlossene historische Erzählung, sondern eine vielschichtige Annäherung an Erfahrungen, die bis heute in den Biografien der Betroffenen und ihrer Familien fortwirken. Die Präsentation knüpfte damit unmittelbar an zentrale Fragen von »Lines of Relation« an: Wie werden Verluste erinnert? Was geschieht, wenn Familiengeschichte durch staatliche Gewalt unterbrochen wird? Und welche Rolle können Bilder bei der Rekonstruktion fragmentierter Erinnerungen übernehmen?

Amelie Sachs und Paul Spehr stellen das Buch »was geschehen und nie geschehen ist« vor. Foto: Finn Jahnke

Im Anschluss präsentierte Nikita Teryoshin sein neues Buch »Game of Chairs – vom Glanz und Elend der Bundesparteitage (2016–2025)«. Über einen Zeitraum von zehn Jahren hat er die großen Parteitage der im Deutschen Bundestag vertretenen demokratischen Parteien fotografiert. Sein Blick richtet sich dabei weniger auf die offiziellen Reden und sorgfältig komponierten Pressebilder als auf die Rückseiten der politischen Inszenierung: Kabel, Kulissen, Wartezonen, Gesten, Bühnenränder und jene kurzen Momente, in denen die geplante Choreografie ins Wanken gerät.

Mit großer Präzision und einem oft überraschend komischen Blick macht Teryoshin sichtbar, wie politische Bilder produziert werden. Seine Fotografien unterlaufen die beabsichtigte Selbstdarstellung der Parteien und erzählen zugleich von Macht, Öffentlichkeit und medialer Repräsentation.

Vom privaten Familienarchiv bis zur großen politischen Bühne: Die beiden Präsentationen hätten thematisch kaum unterschiedlicher sein können. Zugleich stellten beide die Frage, wie Bilder entstehen, welche Erzählungen sie festschreiben – und was außerhalb des vorgesehenen Bildausschnitts sichtbar wird.

Nikita Teryoshin stellt sein neue Buch »Games of Chairs« vor. Foto: Finn Jahnke

Resümee

»Lines of Relation« war nicht nur der Titel unserer Ausstellung. Rückblickend beschreibt er auch die Tage in Arles sehr gut.

Beziehungen waren das Thema der gezeigten Arbeiten – und zugleich die Grundlage unseres gesamten Aufenthalts. Sie entstanden in den Gesprächen zwischen Künstler*innen und Publikum, zwischen unterschiedlichen Generationen und fotografischen Positionen, zwischen Institutionen, Kolleg*innen und Freund*innen.

Die Tage waren intensiv, konzentriert und kollegial. Sie haben gezeigt, wie wichtig Orte sind, an denen fotografische Arbeiten nicht nur präsentiert, sondern gemeinsam diskutiert werden können. Gerade in einer Zeit, in der sich die Bedingungen professioneller Fotografie grundlegend verändern, braucht es diese Räume des offenen Austauschs: für neue Arbeiten und Perspektiven, für kritische Fragen, für gegenseitige Unterstützung und für Ideen, die erst im Gespräch entstehen.

Wir freuen uns, dass wir mit FREELENS und der Hamburg Portfolio Review erneut Teil dieses Umfelds sein konnten. Junge und etablierte Positionen zusammenzubringen, Arbeiten langfristig sichtbar zu machen und Verbindungen über institutionelle und nationale Grenzen hinweg zu fördern, gehört für uns zu den wichtigsten Aufgaben eines Berufsverbands.

Ein großes Dankeschön gilt allen ausstellenden Künstler*innen: Alex Bex, Tamara Eckhardt, Aliona Kardash, Sarah Mei Herman, Arne Piepke und Antine Karla Yzer – für eure Arbeiten, euer Vertrauen und die gemeinsame Ausstellung.

Wir danken Nina Röder, Ingo Taubhorn, Amelie Sachs, Paul Spehr (Paulina Metzscher und Eva Gemmer) und Nikita Teryoshin für ihre Präsentationen und die Einblicke in ihre künstlerische Praxis. Unser herzlicher Dank geht außerdem an Christel Boget und die ParisBerlin fotogroup für die engagierte Organisation und die vertrauensvolle Zusammenarbeit sowie an die Fondation Manuel Rivera-Ortiz für die Gastfreundschaft und die Möglichkeit, unsere Ausstellung erneut in diesem besonderen Haus zu zeigen.

Ein großes Dankeschön geht an Daniel und Joel Oschatz und das gesamte Team von Oschatz Visuelle Medien für die großzügige Unterstützung und die professionelle Produktion der Ausstellung. Wir danken außerdem dem Goethe-Institut, der Behörde für Kultur und Medien Hamburg und Canon für die Unterstützung sowie allen Kolleg*innen, Freund*innen und Gästen, die diese Tage mit ihren Gesprächen, ihrer Neugier und ihrer Offenheit bereichert haben.

Die Ausstellung »Lines of Relation« ist noch bis zum 4. Oktober 2026 in der Fondation Manuel Rivera-Ortiz, 18 Rue de la Calade, in Arles zu sehen.