Whittier in Alaska ist ein einzigartiger Ort: gelegen an einer einsamen Bucht, durch einen Tunnel abgetrennt von der Außenwelt, leben fast alle Bewohner zusammen unter einem Dach – in einem 14-stöckigen Hochhaus. Besuch bei einer Schicksalsgemeinschaft
Begründet wurde Whittier in den 1940er-Jahren; die US-Armee brauchte einen Versorgungsstützpunkt im Kampf gegen die Japaner. Im Koreakrieg war Whittier ein wichtiger Knotenpunkt und der offizielle Rückzugsort im Fall einer Evakuierung Anchorages. Für die Zehntausenden Soldaten und Zivilisten, die man in Whittier unterbringen wollte, erdachte die Armee zwei gigantische Bauten. Der Notfallplan trat nie in Kraft, der Korea-Krieg endete, Alaska wurde offiziell US-Bundesstaat, und die Armee zog aus der Region ab.
Das hoch thronende Hodge Building, heute Begich Towers genannt, kurz BTI: ein Betongigant mit 14 Stockwerken, 52 Meter hoch, erdbebensicher gebaut.
Samoanischer Gottesdienst in der Kirche in einem kleinen Kellerraum des BTI-Gebäudes. Für die Bewohner von American Samoa, dem von den USA kolonialisierten Teil der Inselkette, ist es relativ leicht, in die USA zu emigrieren. Zwar bekommen sie keinen amerikanischen Pass, dürfen aber im Land arbeiten. Die meisten versuchen ihr Glück in und um Los Angeles, aber auch Anchorage und Umgebung sind bereits zu 2% samoanisch. Ins Hochhaus von Whittier kommt Sonntags sogar ein samoanischer Pastor, um einen eigenen Gottesdienst für die Insulaner abzuhalten.
Denise, 15. Stock: ein Naturkino aus unwirklicher Höhe. Man hört hier oben auch den Wind, eine Art Grundrauschen, ein sanftes Heulen.
„We do not want terrorists viewing our home as a place to blow up“
Wer in Whittier Gesellschaft außerhalb des Hochhause will, der rutscht über die Eisbahn hinunter zum „Anchor Inn“
Indoor-Spielplatz der Schule. Vom Keller des Hochhauses führt ein unterirdischer Gang in die Schule von Whittier. Sie steht nur etwa zehn Meter entfernt vom Haupthaus, aber Eis und Wind könnten selbst auf diesem kleinen Schulweg gefährlich werden, also gehen die Kinder meist unterirdisch zum Unterricht.
Es ist, als könne man dem Meer dabei zusehen, wie es vertrieben wird aus Whittier, oder fliehen will, und man fühlt mit ihm.
Anastasia: „mein Apartment ist 714. Alles da drin ist aus den Siebzigern: die Plastikblumen, der Ofen, die Möbel. Ich bin erst vor einem Monate hierher gekommen, um im Sommer als Kajak-Lehrerin zu arbeiten. Meine Heimat ist im Südwesten von Alaska, ich bin eine Yupik.“
Blick aus Anastasias Fenster
Anthony auf dem Weg zu den Lachsfarmen
Ein paar Tage bevor ich die Reise nach Whittier antreten wollte, bekam ich nachts eine Email von der Direktorin der Verwaltung in Whittier, in der sie mitteilte, dass sie mir strengstens Gespräche mit und Fotos von Bewohnern des Gebäudes verbiete. Mein Besuch sei schon dem Ministerium für Innere Sicherheit der Vereinigten Staaten gemeldet worden. Grund für diese Entscheidung sei, dass zu viele Flüchtlinge und mit ihnen zu viele Terroristen aus Syrien und anderen Deutschland nahe gelegenen Gebieten, so ihre Worte, nach Deutschland gelängen. Man wolle auf keinen Fall, dass ein Artikel über das Hochhaus in Whittier in einem deutschen Magazin erscheine, denn dann kämen Terroristen hierher und würden den Ort in die Luft jagen.
Das berüchtigte Whittier-Wetter: “It’s always shittier in Whittier!”