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Über die Bedeutung des Leica Oskar Barnack Award (LOBA)

Interview mit Preisträger Alejandro Cegarra

12.02.2026
Damian Zimmermann

Migranten benutzen eine selbstgebaute Leiter, um einen Teil der Grenzmauer in Ciudad Juárez zu erklimmen, 1. April 2021. Foto: Alejandro Cegarra

Mit seiner Serie „The Two Walls“ hat Alejandro Cegarra den Leica Oskar Barnack Award 2025 gewonnen. Im Interview spricht der in Mexiko lebende Venezolaner darüber, warum ihn das Thema Migration nicht loslässt, welche Gefahr von der Polizei und den Drogenkartellen ausgeht und warum die Auszeichnung so wichtig für ihn ist.

Der Leica Oskar Barnack Award wurde 1979 ins Leben gerufen und zählt mittlerweile zu den wichtigsten Auszeichnungen für dokumentarische Fotografie – sowohl was sein internationales Renommee als auch was die finanzielle Ausstattung angeht. Der Hauptpreis ist mit 40.000 Euro und einer Leica-Kameraausrüstung im Wert von 10.000 Euro dotiert, zudem gibt es einen Newcomer-Award, der mit 10.000 Euro und ebenfalls einer Leica-Kamera verbunden ist. Außerdem gibt es einen Katalog und die Gewinnerserien werden gemeinsam mit der LOBA-Shortlist im Rahmen einer Wanderausstellung präsentiert – zunächst im Ernst Leitz Museum von Leica in Wetzlar, danach in Leica Galerien auf der ganzen Welt sowie auf einigen Fotofestivals und Museen. Zu den bisherigen Gewinnern gehören unter anderem David C. Turnley, Luc Delahaye, Mikhael Subotzky, Larry Towell, Martin Kollar, Evgenia Arbugaeva, Davide Monteleone, Jan Grarup und Sebastião Salgado, der den Preis gleich zweimal gewonnen (1985 und 1992) hat.

Anders als beispielsweise beim World Press Photography Award kann man sich nicht für den LOBA bewerben, sondern wird von einer 120-köpfigen Gruppe aus renommierten Fotografieexperten aus rund 50 Ländern, darunter Kuratoren, Galeristen, Art-Direktoren, Bildredakteuren und zahlreichen Fotografen, vorgeschlagen. Die Kandidaten für den LOBA Newcomer Award werden von 20 ausgewählten Hochschulen aus 17 Ländern eingebracht – aus Deutschland nehmen die Hochschule Hannover und die Ostkreuzschule Berlin teil. Anschließend entscheidet eine fünfköpfige Jury unter der Leitung von Karin Rehn-Kaufmann von Leica über die Gewinner. Diese Jury ist allerdings deutlich weniger divers zusammengesetzt als die Gruppe der Nominatoren und besteht meist aus europäischen und US-amerikanischen Mitgliedern.

Ganz neu hat Leica in diesem Jahr den LOBA Women Award ins Leben gerufen. Für diesen Preis wird man nicht nominiert, sondern Fotografinnen können sich mit einem neuen Vorhaben oder einem bereits laufenden Projekt bewerben. Der Preis ist mit 10.000 Euro und einer Leica Q3 dotiert. Bewerbungen können vom 11. Februar bis 15. März 2026 eingereicht werden.

https://www.leica-oskar-barnack-award.com/loba-women-grant/anmeldung.html

Ruben Soto, ein Migrant aus Venezuela, sitzt mit Rosa Bello, einer Migrantin aus Honduras, auf dem Dach des als „La Bestia“bekannten Zuges. Samalayuca, Mexiko 2023. Foto Alejandro Cegarra

Für viele Fotografinnen und Fotografen ist der Leica Oskar Barnack Award ein wichtiger Karriereschub, weil er neben der medialen Aufmerksamkeit und Anerkennung auch eine große finanzielle Unterstützung bei der Umsetzung von Projekten darstellt. Im Interview erzählt Alejandro Cegarra, der als erster Fotograf sowohl 2014 den Newcomer Award als auch 2025 den Leica Oskar Barnack Award gewonnen hat, über sein ausgezeichnetes Projekt „The two Walls“ und welche Bedeutung die Auszeichnungen für seine Arbeit als Fotojournalist haben.

Sie sind der erste Fotograf, der den Leica Oskar Barnack Award sowohl in der Kategorie Newcomer als auch jetzt – elf Jahre später – in der Hauptkategorie gewonnen hat. Wie fühlt sich diese doppelte Anerkennung an?

Es war ein unglaubliches Gefühl. Ich meine, man erhält diesen Anruf und wird von all diesen Emotionen überwältigt. Die ganzen Jahre voll Opfer und harter Arbeit kommen da zusammen. Ich habe geweint, als sie mich angerufen haben, weil ich es nicht glauben konnte und es außerdem ein sehr früher Anruf am Morgen war. Fünf Minuten später dachte ich, es sei eigentlich ein Traum gewesen. Ich musste zweimal auf mein Handy schauen, um sicherzugehen, dass das wirklich passiert war.

Die Auszeichnung bedeutet mir sehr viel, denn sie ist auch eine Anerkennung für die vielen Opfer, die ich gebracht habe. Ich habe meine Heimat Venezuela verlassen und habe am Anfang weiter an diesem Projekt gearbeitet. Es war wirklich schwer, einen Verleger zu finden. Es war wirklich schwer, das Buch zu finanzieren. Und als dann alles zusammenkam, fühlte es sich tatsächlich wunderschön an. Es fühlte sich an, als würde endlich jemand sehen, was ich in meiner eigenen Arbeit sehe, wie viel Engagement ich in diese Serie gesteckt habe, wie ich die Bilder angeordnet habe, wie ich die Bilder gemacht habe und wie ich auf die Menschen in den Bildern zugegangen bin. Es waren viele kleine Arbeitsschritte, die hier alle zusammengeflossen sind.

Eddie, Carolina und ihre vierjährige Tochter Valentina verstecken sich in einem verlassenen Haus, bevor sie den Rio Bravo in Piedras Negras, Mexiko, erreichen. Foto: Alejandro Cegarra

Wie hat der Newcomer Award Sie als Fotograf oder die Art und Weise, wie Sie Projekte realisieren, verändert? Wie wichtig ist diese Auszeichnung?

Ich denke, jede Auszeichnung, insbesondere der LOBA und der World Press Photo Award, ist eine Möglichkeit, weiterhin das zu tun, was wir lieben. Ich meine, es ist eine Möglichkeit, in der Fotografieszene relevant zu bleiben, eine gültige Stimme zu haben und wie Faktenprüfer zu agieren. Die Auszeichnungen sind ein tolles Gefühl, wie eine Verbindung zwischen deinen Mitarbeitern, deinen Kollegen, es ist unglaublich und es sind wunderschöne Momente, die hoffentlich jeder einmal in seiner Karriere erleben darf. Aber gleichzeitig sind sie nur ein Mittel, um das weiterzumachen, was wir lieben, nämlich die Fotografie.

Sie arbeiten bereits seit sechs Jahren an Ihrem Projekt „The Two Walls“, richtig?

Das älteste Bild in diesem Projekt ist sechs Jahre alt, richtig. Aber eigentlich habe ich es bereits vor acht Jahren begonnen, als ich von Venezuela nach Mexiko-Stadt gezogen bin. Ich habe Venezuela 2017 verlassen, weil die Krise dort wirklich schlimm war. Es gab keine Lebensmittel, keine Medikamente, keine Impfungen, und ich sah den autoritären Kreislauf, den autoritären Strudel auf mich zukommen. Also bin ich nach Mexiko-Stadt gegangen und habe versucht, meine eigene Migration zu verstehen, indem ich angefangen habe, Migranten zu fotografieren. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mit Migranten aus Mittelamerika begonnen. Ich begann mit Salvadorianern, Nicaraguanern und Honduranern. Das war für mich das, was mir am wichtigsten war, eine wirkliche Herzensangelegenheit. Ich kann einfach kein Langzeitprojekt beginnen, wenn es mir nicht nahe steht und ich keine Verbindung dazu habe.

Ist es also ein Projekt, mit dem Sie etwas zurückgeben wollen oder wollen Sie der Welt eher etwas zeigen?

Ich glaube, dass alle meine Projekte zumindest ein wenig autobiografisch sind. Es ist etwas, das um mich herum geschieht oder etwas, das durch mich geschieht. Und so habe ich angefangen zu fotografieren. Ich glaube, nur so kann ich dieses Projekt so lange durchhalten, denn mein anderes Projekt aus Venezuela, „State of Decay“, war ebenfalls ein sechsjähriges Projekt. Das ist einfach meine Art: Ich fotografiere, was ich fühle. Wenn ich Wut empfinde, wenn ich Zorn empfinde, wenn ich Traurigkeit empfinde, dann versuche ich, das zu fotografieren. So war es für mich mit meiner eigenen Migration. Ich trauerte gewissermaßen um mein Land und musste mich an einen neuen Lebensstil gewöhnen, all diese kleinen Dinge. Also habe ich genau das fotografiert: Menschen, die versuchen, diesen neuen Ort zu finden, dieses Gefühl der Zugehörigkeit, einen Ort, den sie ihr Zuhause nennen können, weil sie das Gleiche tun wie ich, nur in einer anderen, härteren Realität. Ich kam mit dem Flugzeug nach Mexiko-Stadt, sie sind zu Fuß unterwegs und müssen sich mit den Kartellen und anderen Dingen auseinandersetzen, mit denen ich mich nicht auseinandersetzen musste. Aber das Hauptgefühl, das primäre Gefühl, das Gefühl des Lebens und der Bewegung, ist etwas, das wir meiner Meinung nach alle nachempfinden können, wenn ich jemanden fotografiere, der auf derselben Suche ist wie ich.

Ein Migrant läuft auf einem geparkten Güterzug, bekannt als „La Bestia“, am Stadtrand von Piedras Negras, Mexiko 2023. Foto: Alejandro Cegarra

Wie arbeiten Sie? Nehmen Sie sich wochen- oder monatelang Zeit im Jahr, um nur das zu machen?

Es war wirklich schwer für mich, eine Förderung für dieses Projekt zu finden. Also habe ich Bildredakteure, hauptsächlich von US-Medien, davon überzeugt, mich an diese Orte zu schicken, um kleine Reportagen über diesen Teil der Migrantenströme zu machen. Der New Yorker schickte mich zum Beispiel nach Reynosa, einem Migrantenlager. Mein Vertrag erlaubt es mir, die Bilder für persönliche Projekte zu behalten. Ich mag zum Beispiel ein oder zwei Bilder aus dieser Zeit. Diese habe ich in den Bilderpool von „The Two Walls“ mit aufgenommen. Dann schickte mich die New York Times an die südliche Grenze zu Guatemala. Einige Bilder daraus sind ebenfalls in mein Projekt eingeflossen.

Das ist eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit ist, dass ich mein eigenes Geld verwende. Es gab einen Moment, in dem ich niemanden finden konnte, der sich dafür interessierte, wie zum Beispiel in Juarez. Es gibt ein Bild, auf dem diese Jungs die Mauer in die USA erklimmen. Also bin ich damals ohne Auftrag und auf eigene Kosten hingefahren. Ich musste für vier Tage Reportage etwa 1000 Dollar oder so ausgeben. Und dieses Bild entstand in diesem Moment. Damals dachte ich: Oh Mist, ich habe gerade 1000 Dollar für ein einziges Bild ausgegeben. Jetzt ist es mir egal, denn ich habe dafür den Leica Oskar Barnack Award gewonnen. (lacht) Aber in diesem Moment war das für meine Finanzen ziemlich viel.
Während der Covid-Pandemie war es außerdem auch ziemlich schwierig, Geld zu verdienen. Vielleicht bekommen Sie einen Eindruck davon, wie ich arbeite. Ich bin viel unterwegs. Ich glaube, es waren insgesamt 65 Reisen zu den beiden Grenzen zu Guatemala und den USA. Die Grenze zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten ist riesig, sie ist mehr als 3000 Kilometer lang. Das ist eine Menge. Und es gibt all diese kleinen Städte. In diesen Städten ist etwas passiert, und ich muss dorthin reisen. Ich überzeuge den Bildredakteur, mich bitte an diesen Ort zu schicken, denn ich kann eine gute Geschichte und gute Bilder liefern. Ich meine, ich bin selbst ein Migrant. Ich spreche die Sprache dieser Menschen, in jederlei Hinsicht. Und so finde ich tatsächlich oft einen Weg, mein Projekt zu finanzieren.

Aber wie viel Zeit verbringen Sie mit den Menschen, die Sie fotografieren?

Das hängt hauptsächlich davon ab, um welche Familien es sich handelt. Bei manchen Familien verbringe ich etwa eine Woche, bei anderen nur ein paar Stunden. Es hängt auch davon ab, was die Familie möchte, zum Beispiel ob sie gemeinsam mit einem Fotografen unterwegs sein möchte. Falls ja, bin ich auch schon vier oder fünf Tage mit ihnen gelaufen. Ich meine, zu meiner Sicherheit ist immer ein Auto in der Nähe, falls ich die Gruppe verlassen muss, wenn etwas Gefährliches passiert. Aber eigentlich laufe ich gerne mit ihnen und man muss sich auch das Vertrauen der Menschen verdienen. Das geht nicht, indem man in einem Auto mit Klimaanlage neben ihnen herfährt oder sich hinein legt, wenn man müde ist. Man muss laufen. Und für mich war es auch eine Möglichkeit, meinen Respekt zu zeigen.

Aber manchmal geht mir auch einfach das Geld aus und ich kann nicht weiter mit ihnen laufen, dann ist die Reise für mich zu Ende.

Oder es kommt vor, dass der Ort, an den sie gehen, für mich viel zu gefährlich ist. Manchmal springen sie auf Züge auf, die in Gegenden fahren, die als besonders gefährlich bekannt sind, weil dort das Kartell sein Unwesen treibt. In solchen Momenten muss ich zu meiner eigenen Sicherheit sagen, dass ich nicht weiter mit ihnen gehen kann. Das war's dann für mich. Sonst könnte ich ausgeraubt werden, sie könnten mir meine Kamera stehlen, ich könnte entführt werden. Und ich könnte auch getötet werden. Und es gibt kein Bild auf der Welt, für das ich diesen Preis zahlen würde – im Gegensatz zu vielen anderen Fotografen, die das sofort tun würden. Ich habe ein Leben. Ich möchte nach Hause zurückkehren. Und für mich gibt es kein Bild, für das es sich lohnt, getötet zu werden.

Asylsuchende warten vor den Toren der mexikanischen Kommission für Flüchtlingshilfe  (COMAR) auf eine Anhörung zu ihrem Asylantrag. Tapachula, Mexiko 2019. Foto: Alejandro Cegarra

Sie haben die Drogenkartelle erwähnt. Und ich habe auf vielen Bildern gesehen, dass die Menschen nicht in kleinen Gruppen reisen. Sie reisen in einer Karawane von Hunderten von Menschen. Liegt das an den Kartellen oder woran?

Ja, genau. Wenn man in großen Gruppen reist, ist es für das Kartell schwieriger, einen zu entführen und zu erpressen. Deshalb machen sie das. Sie entführen Migranten und verlangen einfach Geld von ihnen. Das ist für sie leicht verdientes Geld. Oder sie benutzen dich als Sklaven und du musst für sie arbeiten. Das Kartell hier in Mexiko ist wirklich sehr brutal.

Wenn die Migranten aber in großen Gruppen reisen, sind sie wie eine Herde. Ich denke, es ist ein grundlegender animalischer Instinkt, sich in großen Gruppen zu bewegen, um vor Raubtieren sicher zu sein.

Waren Sie jemals in Situationen, die für Sie wirklich gefährlich waren?

Das gab es ein paar Mal. Einmal hat das mexikanische Migrationsamt versucht, mich einzuschüchtern, indem sie meine Papiere verlangten und mir drohten, meine Aufenthaltsgenehmigung für Mexiko zu widerrufen. Ein anderes Mal kamen Leute vom Kartell auf mich zu und sagten einfach nur: „Hey, du musst jetzt gehen.“ Und ich finde, das war eigentlich ziemlich höflich, wenn man bedenkt, dass sie Maschinengewehre oder so dabei haben. Ein anderes Mal belästigte mich die Polizei in meinem Hotel. Natürlich können auch gefährliche Situationen mit den Migranten entstehen, es hängt davon ab, mit wem man es zu tun kriegt, aber meist kommt die Gefahr von den Behörden oder vom Kartell, nicht von den Migranten selbst.

Der Fotograf

Alejandro Cegarra wurde 1989 in Venezuelas Hauptstadt Caracas geboren. Er studierte Fotografie und Werbung und wechselte 2012 in die journalistische Fotografie. In dieser Zeit fotografierte er den Torre de David, ein nie fertiggebautes Bürohochhaus in Caracas, in dem seit einigen Jahren Menschen aus den Armenvierteln leben. Mit diesem Projekt „The Other Side of the Tower“ wurde Cegarra mit dem Leica Oskar Barnack Newcomer Award ausgezeichnet. Nach seiner eigenen Migration nach Mexiko fokussierte er sich in einem weiteren freien Projekt auf die Flüchtlingsbewegungen von Südamerika durch Mexiko in Richtung der USA: Mit „The Two Walls“ gewann Cegarra im vergangenen Jahr den World Press Photo Award und nun zum zweiten Mal den Leica Oskar Barnack Award.

www.alecegarra.com