Liebe Kolleginnen und Kollegen,
der heutige KI-Newsletter startet gleich mit einem kontroversen Thema.
KI-Bilder als Werkzeug des Journalismus?
Es gab schon vor längerer Zeit eine fiktive Bildgeschichte »90 Miles« von Michael Christopher Brown (michaelchristopherbrown.com), der anhand von KI-Bildern, generiert nach den Erzählungen von Geflüchteten, illustriert hat, wie die Flucht von Kuba in die USA über See aussieht oder vielmehr aussehen könnte: https://www.airlab.co/90-miles
Nun gibt es zwei neue und wie ich meine diskussionswürdige Fälle von einer Art Journalismus, die versucht, Bilder, die es nicht gibt, mit KI zu erstellen.
Hier die Beispiele:
Zum einen hat der Künstler Phillip Toledano mit KI Bilder generiert, die den D-Day, also die Landung der Alliierten an der Küste der Normandie im Zweiten Weltkrieg zeigen sollen. Es gibt bekanntlich die Geschichte von Robert Capa, dessen wenige Filme angeblich fast vollständig im Labor vernichtet wurden – während die seiner Kollegen auf dem Weg zur Zensurbehörde verloren gegangen sein sollen. Hier setzt Toledano an und erzeugt Bilder mit KI (NZZ am Sonntag, 03.11.2024): https://www.pressreader.com/switzerland/NZZ-am-Sonntag-v/20241103/282140706885258
Zur zweiten Geschichte hat mir Martina Mettner vorgestern einen Link geschickt: Fotograf Carl de Keyzer hat ein Buch mit demTitel »Putin's Dream« veröffentlicht. Er hat dazu einen Instagram-Beitrag veröffentlicht, der aktuell nicht mehr zu sehen ist. Dort schrieb er, dass es sein Plan war, 20 und 30 Jahre nach vorangegangenen Projekten, wieder nach Russland zu fahren, um dort zu fotografieren. Aufgrund des Angriffs auf die Ukraine konnte er aber nicht mehr einreisen. KI weckte sein Interesse und er entschloss sich, Bilder mit KI zu generieren. Auf seiner Website zeigt er einige davon: https://www.carldekeyzer.com
Ich bin ohne Abstriche der Ansicht, dass die Kunst natürlich frei ist. Künstler*innen dürfen (fast) alles. Aber in diesen beiden Fällen sehe ich eine Vermischung von Kunst und Journalismus.
Sicher werden wir solche Werke und Serien zukünftig häufiger sehen. Das Spiel mit der Fiktion ist einfach zu verlockend. Bilder, die man immer machen wollte und die man aber nicht machen konnte oder kann – aus welchen Gründen auch immer – generiert man mehr oder weniger einfach am Rechner. Keine echte Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit, dem Wetter, den Menschen oder Behörden, nie mehr das Problem, dass man leider zu spät gekommen ist – vielleicht sogar Jahre zu spät. Aufmerksamkeit erhalten die KI-Bilder trotzdem, der Wirkung können sich die Betrachter*innen nicht entziehen.
Aber wird dadurch nicht der echte Fotojournalismus relativiert? Warum sollte sich überhaupt noch jemand für Fotos in Gefahr begeben oder auch nur die Mühsal der Reise auf sich nehmen? Wie kurz stehen wir davor, dass eine alternative Vergangenheit scheinbar authentisch geschaffen wird – oder passiert das bereits?
Wenn ihr selbst etwas Spannendes zu generativer KI lest, schickt es gerne an mail@marco-urban.de
Beste Grüße,
Marco