Veröffentlichung
Franziska Gilli & Barbara Bachmann

Hure oder Heilige – Frau sein in Italien

Das Rollenbild der Frau in Italien könnte nicht gegensätzlicher und widersprüchlicher sein: Hure oder Heilige. Wie gehen Frauen damit um? Wie sollen Jugendliche sich hier einordnen? Regt sich Widerstand? Solche Fragen motivierten Reporterin Barbara Bachmann und Fotografin Franziska Gilli dazu, sich für ihr bei Edition Raetia erschienenes Buch »Hure oder Heilige« auf Spurensuche zu begeben. Sie gewähren ausgewählte Einblicke in jenes Land, in dem alle drei Tage eine Frau von einem Mann ermordet wird. Sie zeigen aber auch die Vielfalt des gelebten Frauseins und entdecken einen neu aufkommenden Feminismus.

Nicht dass Italien keine Feministinnen hätte, aber nach dreijähriger Recherche müssen die Autorinnen feststellen, dass immer noch vor allem die Macht des Fernsehens und des Vatikans für das Frauenbild prägend sind. Immer noch tanzen leicht bekleidete Frauen lasziv durchs Hauptabendprogramm, immer noch tradieren Frauen selbst ein konservativ-christliches Rollenverständnis, sexistische Stereotype erscheinen festgefahren. Dies führt dazu, dass junge Frauen den im Fernsehen gezeigten Showgirls nacheifern – wie eine ergreifende Reportage über die immer wieder mit Magersucht kämpfende Francesca im Buch zeigt.

Die Autorinnen hatten auch die einmalige Gelegenheit, hinter die Kulissen der Nachrichten-Satire-Show »Striscia la notizia« zu blicken: Ausgestrahlt im TV-Sender des ehemaligen Ministerpräsidenten und Medienmoguls Silvio Berlusconi formen die sogenannten Veline das Frauenbild mit: Leicht bekleidet sind sie nur Staffage ohne tragende inhaltliche Funktion. Doch eben dieses Frauenbild wird seit mehr als 30 Jahren an sechs Abenden die Woche ausgestrahlt und erreicht im Schnitt je Folge 4,5 Millionen Menschen − nicht ohne Auswirkungen.

Mikaela Neaze Silva (23) tanzt zu Beginn der Nachrichten-Satire-Show »Striscia la notizia« einen kurzen Eingangstanz in der Rolle einer Videospiel-Figur. Foto: Franziska Gilli
Beim Casting zur »Miss Italia« prüft die Jury, ob die Mädchen kameratauglich sind. Foto: Franziska Gilli

Ein weiterer Beitrag im Buch widmet sich den Frauenmorden. Im Januar 2020 wurden in einer Woche, also an 7 Tagen, 7 Frauen tot aufgefunden. Man hat sie vergewaltigt, zu Tode getreten und geprügelt, erwürgt, erstochen oder erschossen. Gemeinsam war allen eine Tatsache: Die Frauen kannten ihre Mörder. Rund 85 Prozent der Gewaltverbrechen finden in Italien zu Hause statt. Hinter verschlossenen Türen, verübt von Ehemännern, Lebensgefährten, Ex-Partnern. Auch wenn der Süden als besonders konservativ gilt, ist geschlechtsspezifische Gewalt in Italien ein gesamtstaatliches Problem, in Mailand genauso wie in Palermo.

Aktuell und kein rein italienisches Phänomen: Auch in aufgeschlossenen und auf Gleichberechtigung bedachten Partnerschaften und Familien hat die Covid-19-Pandemie die hart erkämpfte Rollen- und Lastenverteilung wieder zu Ungunsten der Frauen verschoben. Sie sind es, die fast selbstverständlich für die Kinderbetreuung und das Homeschooling zuständig sind. Ganz nahe an den Protagonisten ist hier die Fotoreportage »Gleiche Rechte, gleiche Pflichten«, die eine Familie nahe Turin in der Zeit kurz nach dem Lockdown im Frühjahr 2020 begleitet. »Vor Kurzem übernahm ich einmal einen Vormittag lang die Hausaufgabenbetreuung unserer Töchter. Gleichzeitig bekam ich laufend Anfragen von Kunden und versuchte, nebenher ein wenig zu arbeiten. Es war grässlich«, so das Fazit der als selbstständige PR-Agentin arbeitenden Marianna.

Clelia Anna Manganaro, Mutter und Hausfrau. Foto: Franziska Gilli
Die »Suore Pie Operaie dell’Immacolata Concezione« (Barmherzige Arbeiterschwestern der Unbefleckten Empfängnis) haben ihr Leben dem Ziel verschrieben, ein lebendiges Abbild der Jungfrau Maria zu sein. Foto: Franziska Gilli

Es war nicht die erste Zusammenarbeit von Barbara Bachmann und Franziska Gilli, aber die bislang intensivste. Vor rund drei Jahren beschlossen die Reporterin und die Fotografin, dem Frauenbild in Italien gemeinsam ein Buch zu widmen. Unabhängig voneinander hatten sie sich zuvor immer wieder mit dem Thema beschäftigt. Zu Land, Wasser und Luft durchkreuzten sie ihre Heimat, teilten sich stets ein Zimmer und schliefen auf der nächtlichen Überfahrt von Sizilien nach Sardinien auch mal unter der Treppe.

In sieben Kapiteln – inspiriert von den sieben Todsünden und ihren Antithesen – erzählen sie nun, 25.000 Kilometer später, in
»Hure oder Heilige« von Völlerei und Disziplin, Trägheit und Eifer, Zorn und Liebe. Das Buch versammelt eine Vielzahl an Frauenporträts, eingefangenen Stimmen von Männern über Frauen, Beispiele aus Werbe-Sujets und Zitaten von italienischen Persönlichkeiten der vergangenen 100 Jahre und weitere Reportagen wie etwa über ein Nonnenkloster oder die feministische Bewegung »Non una di meno«.

Barbara Bachmann, Franziska Gilli
Hure oder Heilige – Frau sein in Italien
Edition Raetia
17 x 23 cm, 224 Seiten, Ota-Bindung, 24,90 Euro
ISBN: 978-88-7283-731-3

Das Buch ist ab jetzt im Buchhandel oder direkt bei Edition Raetia erhältlich.