Ausstellungseröffnung
FREELENS Galerie

»The Atlantic Cowboy« – Vernissage mit Andrea Gjestvang

Einführende Wort von Barbara Stauss, Fotoredakteurin und Leiterin Studio Stauss, anlässlich der Eröffnung von Andrea Gjestvangs Ausstellung »The Atlantic Cowboy« am 25. August 2022 in der FREELENS Galerie.

»Jäger der verlorenen Zeit«, so betitelten wir im Jahr 2019 in der Zeitschrift mare die Bilder der atlantischen Cowboys, der Fischer, die gut verdienen und früher heiß begehrt waren, der Männer auf den Färöerinseln, die etwas aus der Zeit gefallen sind und auf ihrer Insel keine Frauen mehr finden.

Unter all den herausragenden Bildern dieser Arbeit, gibt es für mich eine Fotografie, die exemplarisch für die Geschichte steht und die man, wenn man sie einmal gesehen hat, nicht mehr vergisst. Offenbar geht es nicht nur mir so, denn das Bild wurde ebenfalls als Motiv der Einladungskarte für diese Ausstellung ausgewählt. Moby Dick ist als Metapher überstrapaziert, aber fällt einem zwangsläufig ein. Es ist das Bild des erschöpften Fridi Lassen, der auf seiner Beute sitzt, einem geschlachteten Grindwal. Das rot-gefärbte Wasser in der Bucht liefert Zeugnis des blutigen Geschehens. Dem Bild ist eine lange Nacht vorangegangen, in der 135 Wale getötet wurden.

Wofür steht dieses Bild, was können oder wollen wir darin lesen? Der Mann ist im Morgengrauen, nach dem Rausch, wieder im Alltag angekommen. Er hat den Kampf gewonnen und sitzt auf seiner Beute. Sein Gesicht und seine Haltung zeigen keine Siegerpose. Vielmehr scheint er erschöpft und nachdenklich, wirkt gar etwas verloren in den Weiten der Bucht und der kargen baumlosen Landschaft, unter dem verhangenen Himmel und durch die Berge gleichwohl eingeschlossen. Er trägt Gummistiefel und ein kurzärmliges Wollhemd, die Jacke hat er ausgezogen, sodass seine nackten Arme und Hände gut zu sehen sind. Ohne Waffe, so dass man meinen könnte, er hätte die Tiere mit bloßen Händen getötet. Er ist fast zu jung, um für Tradition zu stehen und symbolisiert eher einen Antihelden.

Foto: Maria Feck

Wie ist diese Geschichte entstanden, die wir hier sehen? Darüber möchte ich aus meiner Sicht erzählen.

Als Bildredakteurin bei mare begegneten mir die Färöerinseln Ende 2016, kurz vor Weihnachten, in Form einer E-Mail der Agentur Panos Pictures in London: Story proposal: Andrea Gjestvang / Faroe Islands.

Ich zitiere übersetzt auf Deutsch: »Ich wollte Ihnen das laufende Projekt von Andrea Gjestvang auf den Färöerinseln zeigen, das Sie vielleicht interessieren könnte. Ich weiß, dass Sie für 2017 ziemlich ausgebucht sind, aber es besteht keine Eile.  Andrea hat die Inseln bereits zweimal besucht und möchte mindestens noch einmal zurückkehren.

Auf den Faröerinseln ist die Abwanderung der Frauen zu einem sozialen Problem geworden. Seit 2006 hat sich die Zahl der Einwanderer von den Philippinen verdoppelt. Zusammen mit Menschen aus Thailand sind sie zu den größten ausländischen Gemeinschaften auf den Inseln geworden. Bei der neuen Einwanderergruppe handelt es sich überwiegend um Frauen, die färöische Männer geheiratet haben.

Bisher hat sich Andrea auf die Aktivitäten der Männer konzentriert, doch bei ihrer nächsten Reise wird es ausschließlich um die Frauen gehen, vor allem um die aus Thailand und von den Philippinen, und darum, wie sie sich auf der Insel anpassen.«

Foto: Maria Feck

Seit ich Andreas eindringliche Porträts der überlebenden jungen Erwachsenen des Terror-Anschlags auf Utøya gesehen hatte, wollte ich mit ihr zusammenarbeiten und da das Thema der eingewanderten Frauen auf den Färöern inhaltlich und optisch vielversprechend klang, nahm ich den Vorschlag mit in die nächste mare Redaktionskonferenz.

Wir bräuchten für eine runde Geschichte dringend mehr Bilder der Frauen, die Bilder zeigten nicht, was im Text steht, schrieb ich Anfang Januar 2017 der Agentin zurück.

Und diese antwortete, das sei genau das, worüber Andrea auf ihrer nächsten Reise berichten wolle. Die bisherigen Bilder seien eher die Vorarbeit, um den Kontext ihrer Geschichte zu erzählen und um Kontakte zu knüpfen. Sie wolle sich bei ihrer nächsten Reise nur auf die Frauen konzentrieren.

Wir zögerten, Textkollege Dimitri Ladischensky recherchierte von Redaktionsseite aus, aber es wollte uns nicht recht gefallen und ich schrieb zurück: Unser Redakteur hat einige Recherchen zu der Geschichte angestellt und es scheint, wir haben noch nicht den richtigen Blickwinkel gefunden. Alles scheint noch ein wenig vorhersehbar. Wir müssen noch weiter recherchieren, um überzeugt zu sein, die Geschichte machen zu wollen.

An diesem Punkt schaltete sich Andrea ein, wir tauschten Ideen aus: Eine Amerikanerin zu begleiten, die mit einer Gruppe Single-Frauen die Insel besuchen wollte, um potenzielle Ehemänner zu suchen, erwogen wir und lehnten dann gemeinsam ab, denn wir befürchteten dahinter eine PR-Tour.

Foto: Maria Feck

Andrea jedoch erzählte immer plastischer von den vielen Junggesellen, von denen einige mit der Mutter, der Oma, mit dem Bruder oder ganz alleine lebten. Viele in dem Haus, in dem sie aufgewachsen waren, zum Teil sei alles wie vor 50 Jahren. In einer Welt, wo der traditionelle Mann einerseits hochgeschätzt wird, anderseits deshalb in der modernen Gesellschaft »scheitert«. Sie sagte: vor dieser Perspektive habe sie auf den Färöerinseln fotografiert.

Die Idee, mehr auf die psychologische und soziale Situation der Männer zu fokussieren, begeisterte uns. Fotografin und Redaktion wollten noch mehr Tiefe, mehr Intimität, so kamen weitere Reisen dazu, einmal gemeinsam mit Dimitri Ladischensky, der für mare den Text schreiben sollte. Wichtige Gespräche zwischen den beiden fanden vor Ort statt.

Man kann es nicht oft genug wiederholen: Eine gute Geschichte braucht Zeit, Unterstützung, echten Austausch zwischen den Beteiligten, Ratlosigkeit, Pausen und manchmal auch die Offenheit, vom ersten Weg abweichen zu dürfen. Aspekte aus- und wegzulassen und auf der anderen Seite zu vertiefen.

So kam es dazu, dass die Geschichte über zugereiste Frauen, die in der Fremde einen Ehemann finden sollten, in einer Serie von Bildern mündete, in denen es um Männlichkeit, Abhängigkeit und Freiheit, Tradition und Stereotype geht.

Foto: Maria Feck

Ich meine mich zu erinnern, dass das Bild von Fridi Lassen, über das ich eingangs gesprochen habe, bereits unter den ersten Bildern war, die mir die Agentin in ihrer ersten E-Mail zugeschickt hatte. Meine Vermutung ist deshalb, dass Andrea im Grunde von Anfang an die Geschichte erzählen wollte, die wir jetzt hier sehen. Die Bilder, die sie von ihren ersten beiden Reisen mitbrachte, sprechen dafür. Oft sehen wir Dinge aber erst im Rückblick klar oder nachdem wir uns ausprobieren, immer wieder mit Menschen darüber reden und Fragen stellen.

Als Andrea und ich uns vor ein paar Tagen nochmals über diese Arbeit austauschten, sagte sie rückblickend: »Die Männer, die ich dort traf, sehe ich überall, auch in Norwegen. Nur nicht so oft in den Medien. Geografisch leben sie in der Peripherie, aber sie sind irgendwie auch in der Peripherie ›unseres‹ Bewusstseins. Ganz allgemein Männer, die in der Provinz leben, im Grunde genommen.«

So stehen diese Bilder der Atlantischen Cowboys für mich auch für eine gelungene Zusammenarbeit zwischen Fotografin und Redaktion – also dafür, was journalistische Zusammenarbeit im besten Sinne bedeutet und als Resultat hervorbringen kann.

Eine Geschichte kann sich ins Gegenteil verkehren, sie kann durch Reduktion und Vertiefung für das große Ganze stehen. Das ist das Überraschende daran, daraus ziehen diese Bilder – neben der hohen fotografischen Könnerschaft – ihre Kraft.

Für diese gemeinsame Erfahrung möchte ich Andrea herzlich danken!

 

Berlin, 25.08.2022 – Barbara Stauss