Magazin #08

Von »natur« aus sparsam

Bilder aus dem Cyberspace statt aufwendiger Produktionen

Text – Bernd Euler

Belfortstraße 8, ein Münchner Hinterhof – neben einem plätschernden Brunnen wuchern Pflanzen an den Hauswänden empor. Und hinter den Mauern gibt es Schreibtische aus Rohholzplatten – die Redaktion der Zeitschrift natur. Der Leuchttisch des Bildredakteurs David Galipeau hat gerade mal das Format DIN A3. Wie zufällig lehnt er an der Wand neben dem kreativen Chaos auf dem Schreibtisch des Franco-Kanadiers. »Ich bin kein Fotoredakteur«, sagt Galipeau, „ich bin hier um Geld zu sparen«.

Horst Stern, die Lichtgestalt des Umwelt-Journalismus, gründete natur im Jahr 1980. Das Geld kam vom Schweizer Ringier-Verlag, der das Blatt eher als Abschreibungsprojekt finanzierte. Anfang der 90er fiel das Magazin der Flurbereinigung im deutschen Blätterwald zum Opfer. Weil sich kein deutscher Verleger dafür interessierte, wurde mit Gerd Pfitzenmaier ein Redakteur zum Verlagsleiter. Er kaufte das Blatt, und mußte als Kleinverlag Konsequenzen ziehen: Kostenreduzierung um jeden Preis.

»Mit der alten Bildredakteurin habe ich einen Wettbewerb gemacht, um denselben Artikel zu bebildern, und ich habe es für die Hälfte der Kosten hingekriegt«, sagt David und grinst in den Bildschirm. »Internet- und Bildredakteur« steht auf seiner Visitenkarte. David Galipeau ist darauf spezialisiert, für möglichst wenig Geld, möglichst viel Optik aus dem Internet zu besorgen.

Für die Illustration eines großen Artikels steht bei natur ein Budget von 4000 Mark zur Verfügung. Die traditionellen Bildredakteure vor Davids Zeiten lasen die Artikel und markierten sich die Schlüsselbegriffe, nach denen sie telefonisch bei den Bildarchiven bestellten, oder deren Kataloge durchstöberten. So erhielten sie pro Artikel etwa 100 bis 120 Bilder, von denen sie fünf bis sieben für den Text aussuchten.

Ein Teil der Kosten ging allein für Bearbeitungsgebühren der Archive drauf, pro Anfrage etwa 150 Mark. »Um ein Thema bei mehreren Archiven zu recherchieren entstanden Kosten von 500 bis 700 Mark«, erinnert sich David und schüttelt den Kopf, viel Geld, »nur fürs Draufgucken«. Kein Wunder also, daß die veranschlagten Kosten meistens überschritten wurden.

»Ich lese noch nicht mal die Artikel«, sagt er und lacht. Die Arbeit des modernen Bildredakteurs fängt jetzt bereits mit dem Themenplan an. Er fahndet nach Fotografen, ob Amateur oder Profi, die vielleicht an den Themen arbeiten. Er schaut sich Homepages von Firmen, Instituten oder Institutionen an, die mit dem Thema zu tun haben könnten. Wie der schreibende Redakteur seine Materialsammlung komplettiert, ersurft sich auch David schon einen visuellen Materialstock, bevor der Text überhaupt geschrieben ist. David gibt ein Beispiel: »Wir haben eine Geschichte über Weissagungen gemacht. Es ging um Mystizismus und Wunder. Bei meiner Recherche fand ich auf einem Server in den USA dieses Bild von David Copperfield, dem ein umgedrehtes Glas Milch zwischen seinen Händen schwebte. Das Bild hatte eigentlich nichts mit unserer Geschichte zu tun. Es stammte aus einer amerikanischen Milchwerbekampagne. Für uns funktionierte es als Symbolbild – und es war umsonst. So hat der Verlag 1500 Mark gespart.«

Das Ende der freien Fotografen? David lehnt sich zurück: »Eindeutig Ja«, sagt er und ist sich seiner Provokation bewußt. »Wenn du ein professioneller Fotograf bist, der nach Sicherheit sucht, ist es das Ende.« Die Verfügbarkeit von Bildmaterial im Internet führe zu einem weltweiten knallharten Wettbewerb der Bilder.

Früher war der Bildermarkt ein Verkäufermarkt. Die Fotografen und ihre Agenturen boten ihr Material weltweit über die Kataloge an. Die Anbieter bestimmten die Konditionen. Durch das Internet ist der Bildermarkt zum Käufer-Markt geworden, denn anbieten kann im Netz heute jeder. Durch das breite Angebot hat der Käufer die Wahl. Vielleicht nimmt er das zweitbeste Foto von einem Sujet weil es billiger ist, das drittbeste gibt es womöglich gar umsonst. Der Bildermarkt definiert sich neu. »Mein Etat als Käufer bestimmt jetzt was, wo und zu welchen Konditionen ich kaufe.«

Die Agenturen spüren es als erste. »Bilderberg, Bavaria und Visum haben ihre Leute vorbeigeschickt«, erzählt David amüsiert, »nachdem ich ein halbes Jahr hier gearbeitet hatte«. Sie wollten wissen, warum ihre Umsätze bei natur so rapide gesunken waren – und sie sind alle unglücklich weggegangen, nachdem ihnen David seine Arbeitsweise erklärte. Er vergleicht die Rolle der Fotografen mit denen von Musikern oder bildenden Künstlern. »So wie Musiker oder Künstler von ihren Produzenten oder Galeristen abhängig waren, ist es der Fotograf von seiner Agentur. Das Netz gibt jedem die Möglichkeit, seine Bilder anzubieten, auch den Nichtprofessionellen, da werden die Bildarchive der professionellen Fotografen überflüssig.«

David erläutert es am Beispiel der Naturfotografie, da ist er schließlich Experte. In England sei zum Beispiel Birdwatching ein nationales Hobby. Heerscharen von Touristen ziehen mit langen Brennweiten durch die Lande und lichten Federvieh in allen Lebenslagen ab. Was früher in den Clubs oder unter Freunden in nervtötenden Diaabenden präsentiert wurde, gelangt heutzutage frisch gescannt ins Internet. Und das gilt auch für die Safari-Tiere Afrikas, seltene Orchideen, das deutsche Dammwild oder Wale vor der amerikanischen Küste. In diesem Markt ändert sich das Angebot von Amateuren fast stündlich. Als Honorar reicht meistens der Stolz über den Abdruck und ein Belegexemplar. Wer mit Naturfotografie heute noch Geld verdienen will, muß sich richtig was einfallen lassen, scheint es. »Natürlich könnte jemand mit meinem Wissen so ein Magazin machen, ohne einen Pfennig für Bildrechte zu bezahlen«, sagt David. »Aber man muß natürlich auch die Rechtslage sehen. Wir sind nur ein kleiner Verlag. Wenn uns ein Fotograf auf die Schliche käme und nachweisen könnte, daß wir seine Bilder honorarfrei vom Netz gezogen haben, könnten wir den Laden hier schließen. Also klären wir das selbstverständlich vorher.«

Für die Schwemme der honorarfreien Bilder im Netz sorgt mittlerweile eine Vielzahl von Anbietern. PR-Agenturen, Firmen, selbst Bürgerinitiativen und Umweltverbände stellen Bildmaterial frei zum Abdruck elektronisch zur Verfügung. Der Datensatz von Fotos im Internet ist schon längst ein PR-Mittel. Für kleinformatigen Abdruck reicht der Datensatz meistens aus.

Da schlägt des Fotografen sensible Seele: Und was ist mit der Bildsprache? Wenn jeder kostenfrei PR-Fotos nutzt, bebildern dann alle mit der Benetton- oder McDonalds-Optik? »Natürlich gibt es eine McDonaldisierung des Bildermarktes«, bestätigt David. »Das ist unglücklich, aber es verkauft sich. Natur als Magazin wird McDonaldisiert, natur als Verlag spart Geld, bietet das Magazin billiger an und verkauft mehr.« So seine Gleichung. »Der Fotograf wird dadurch als Künstler aufgewertet«, steht für David fest. »Um aus dem McDonalds-Rahmen herauszuragen, wird der Anspruch an seine Arbeit größer. Seine individuelle Bildsprache muß ausgeprägter werden, nur das ist seine Chance, auch ökonomisch.« Denn, so Galipeau: »Für eine spezielle Optik zahlen wir schon ein bisschen besser.«

Überhaupt bietet das Netz neue Möglichkeiten für Fotografen, meint David. Der Fotograf heute müsse seine traditionellen Felder mit der neuen Technologie kombinieren. Dann werde er auch weiter erfolgreich sein. »Deswegen kann ich heute problemlos mit englischen oder amerikanischen Fotografen arbeiten. Die legen mir eine Reiseliste in meine E-Mail, und ich weiß, daß sie unterwegs zu erreichen sind. So kann ich sie kurzfristig beauftragen, anstatt mich mit Archivmaterial zufrieden zu geben. Außerdem umgehe ich so die Agentur. Also verdient er direkt, bedient meine Extrawünsche, und macht neben seinem ursprünglichen Job noch eine Extra-Mark.« Der direkte Kontakt zum Fotografen sorge außerdem auch für einen besseren, schnelleren Informationsfluß als über die Agentur.

Mit der zunehmenden Akzeptanz des Internets durch die Bildredakteure scheint sich also eine gewaltige Veränderung im Verhältnis zwischen Archiven, Fotografen und Fotoredaktionen zu entwickeln.»Wenn Bildredakteure sich Computertechnologie aneignen, können sie schneller Bilder besorgen und problemlos mit den modernen ’netzgestützten‘ Fotografen zusammenarbeiten. Das ist meiner Meinung nach die Bildredaktion der Zukunft.« David fordert: »Der professionelle Fotograf muß sich diesen verändernden Strukturen einfach stellen, er muß damit aktiv umgehen, an seiner Bildsprache arbeiten, sein Niveau anheben. Er muß die bessere Qualität abliefern und das ist die subjektive Sichtweise.«