Im Dschungel der Abhängigkeiten
Von Inga Papst, Illustration: Joanna Hegemann
Quelle: FREELENS-Magazin #29 - 4. Quartal 2009
Im Dschungel der Abhängigkeiten
Erfolg, Anerkennung und vermeintlich gute Bezahlung verleiten viele Autoren und Illustratoren dazu, sich vertraglich nicht abzusichern. Ein fataler Fehler, denn es sind dann andere, die viel Geld mit ihren Talenten verdienen
VON INGA PAPST ILLUSTRATION: JOANNA HEGEMANN
Eigentlich müsste Kinderbuchautor Janosch ein reicher Mann sein: Fast jeder kennt seine Tigerente, unzählige Kinder sind mit Büchern wie »Oh, wie schön ist Panama« groß geworden, sogar eine Fernsehsendung wird mit den Figuren des Zeichners bestückt. Doch von der Vermarktung seiner Zeichnungen hat Janosch nicht viel. Denn er machte einen Fehler: Er übertrug die Nutzungsrechte an seinen Werken seinem ehemaligen Verlag.
In den ersten Jahren ging alles gut, doch dann begann der Verlag, einen Teil der Zeitungshonorare, die er kommissarisch einzog, einzubehalten, so Janosch. Lizenzeinnahmen seien ihm sogar ganz verschwiegen worden, berichtet er in dem Buch »Reden Sie Tacheles, Herr Janosch«. Ein zäher Streit ums Geld begann, der seinen traurigen Höhepunkt im Verkauf aller Nutzungsrechte an Janosch Werken, an Zeichnungen, Texten, Filmen an einen anderen Verlag fand: Acht Millionen Schweizer Franken waren dem Verlag die Rechte wert. Janosch selbst bekam nach eigenen Aussagen bei diesem Geschäft keinen Cent ab. Der Verlag wollte dazu nicht Stellung nehmen.
Janosch ist kein Einzelfall: Auch Ex-»Löwenzahn«-Moderator Peter Lustig steht nach vielen erfolgreichen Jahren heute finanziell schlecht da. Die Künstler beklagen, falsch beraten und von ihren Geschäftspartnern über den Tisch gezogen worden zu sein. Von laufenden Einnahmen etwa aus dem Verkauf ihrer Kinderbücher sähen sie nichts mehr. Janosch räumt heute selbstkritisch ein, er habe sich bei Vertragsabschluss vom Ansehen und von der anfänglichen Großzügigkeit des Verlages blenden lassen. Was Prominente wie Janosch oder Peter Lustig trifft, ist für weniger bekannte Urheber erst recht in Problem: Stefanie Wegner, freischaffende Illustratorin aus Hamburg zum Beispiel, wurde 1998 vom Kosmos-Verlag für die Zeichnungen zu der Kinderbuchserie »Die drei ??? Kids« engagiert. Damals war sie 20 Jahre alt und studierte Kommunikationsdesign. Insgesamt 29 Ausgaben der »Drei ??? Kids« illustrierte Stefanie Wegner. Der Verlag zahlte ihr für rund 35 Zeichnungen pro Buch ein einmaliges Werkshonorar in Höhe von 4000 DM, später 3000 Euro. Eine günstige »All inklusive«-Lösung für den Verlag, denn damit waren sämtliche Materialkosten ebenfalls abgegolten.
Immer wieder versuchte sie den Vertrag mit dem Kosmos-Verlag, den sie noch als Studentin unterzeichnete, durch eine angemessene Gewinnbeteiligung nachzubessern – vergebens. Das sei unüblich, sagte man ihr damals. »Ich hatte weder das Geld noch den Mut, einen Prozess anzustrengen«, erzählt sie. »Eigentlich ist das schade, denn vielen Kinderbuchillustratoren geht es ähnlich, es hätte also ein Musterprozess werden können.« Nach langem juristischem Tauziehen gelang es Stefanie Wegner immerhin, den Verlag zu verpflichten, ihr ein Prozent vom Nettoverlagsumsatz abzutreten.
»Meine jährliche Vergütung aus dem Bücherverkauf aller 29 Bände bewegt sich dennoch nicht einmal im fünfstelligen Bereich«, sagt sie. Geld erhielt sie lediglich für die Ausführung der Zeichnungen. Für die Kreation der Figuren, die die Marke prägen und ein sehr lukratives Merchandising-Geschäft sind, wurde sie nicht bezahlt. Zudem beteiligte sie der Verlag nicht am Geschäft mit Taschenbüchern oder Auslands-Lizenzen, beklagt Wegner. Wie vergleichbare Produkte zeigen, könnte der Verlag mittlerweile mehrere Millionen Euro mit der Marke verdient haben. Der enthielt sich dazu eines Kommentars.
Auch der Sportjournalist Ralf Meutgens machte die Erfahrung, dass investigativer Journalismus für Tageszeitungen zwar ungeheuer wichtig ist, diese das Engagement ihrer Autoren jedoch nicht in Euro und Cent aufwiegen. Meutgens hat viele Skandale im Radsport aufgedeckt und sich damit einen Namen gemacht. Unter anderem entdeckte er eine Gesetzeslücke, dank derer Blut-Doping nicht bestraft werden konnte. Er bot die Geschichte der FAZ an, die sie im Herbst 2006 druckte.
Der Artikel sorgte für Aufsehen, die FAZ wurde als Quelle in zahlreichen anderen Medien zitiert. Eine bessere Imagepflege kann sich eine seriöse Tageszeitung kaum wünschen. Doch in der Hektik des Tagesgeschäftes waren Geschichte und Autor schnell wieder vergessen. Der Artikel wurde konsequent nach Zeilenhonorar vergütet. Netto bekam Meutgens etwas über 80 Euro.
Ein Beispiel von vielen. Wer Artikel mit exklusivem oder gar spektakulärem Inhalt anbietet, bekommt häufig zu hören, dass er/sie froh sein darf, überhaupt in einer renommierten Zeitung veröffentlichen zu können. Meutgens versuchte immer wieder, sich zumindest die Fahrtkosten für seine Berichte erstatten zu lassen. »Aber da gab es zumindest durch die Sportredaktion kein Entgegenkommen«, berichtete er. »Bei der Blutdoping-Geschichte habe ich summa summarum sogar Geld draufgelegt. Und die FAZ ist nun wirklich kein armes Unternehmen.« Ihm ging es damals mehr um die Sache, als um das Honorar: er wollte Doping im Radsport aufdecken. »Da war also eine gute Portion Idealismus dabei«, sagte er.
Stefanie Wegner zeichnet heute nicht mehr für Kinderbücher, sie lebt vor allem von Werbeillustrationen. Über einen Mangel an Aufträgen kann sie sich nicht beklagen. Das habe aber wenig mit der Popularität ihrer Kinderbuch-Illustrationen zu tun. »Ich bin heute einfach geschäftstüchtiger als vor zehn Jahren«, sagte sie. »Ohne unternehmerisches Denken wird man heute als Illustrator nicht nur schlecht bezahlt, sondern man läuft Gefahr, ganz unterzugehen. Das habe ich bitter lernen müssen.«
Meutgens hat sich vom Tageszeitungs-Journalismus inzwischen ganz zurückgezogen. »Ich arbeite jetzt viel fürs Fernsehen, denn die TV-Redaktionen bezahlen mich adäquat für meine Arbeit.« Dem Nachwuchs rät er, bei aller Leidenschaft für den Beruf und bei allem Idealismus auch das eigene Einkommen im Blick zu haben: »Denkt sportlich, und handelt ökonomisch. Denn Auftraggeber denken ökonomisch und handeln manchmal allzu sportlich.«
Inga Pabst
Gründungsmitglied von Freischreiber, arbeitet als freie Journalistin in Hamburg für Tageszeitungen, Online-Redaktionen und Fachmagazine. Die Politologin befasst sich mit gesundheitspolitischen Themen.