Anerkennung und Aberkennung

Freude und Ärger beim Henri Nannen Preis

 

Die Branche konnte mal wieder ihre Anzüge ausführen. Denn es wurden die Henri Nannen Preise verliehen. Zwei Titel der ausgezeichneten Beiträge bringen die Veranstaltung auf den Punkt: Es gibt was Neues hier seit gestern – Mich trifft der Schlag.

Seit gestern weiß die Öffentlichkeit, dass einen Tag nach der Gala der Egon-Erwin-Kisch-Preis dem Ausgezeichneten wieder aberkannt wurde. Den Autor René Pfister traf der Schlag, (Au Backe, das habe ich doch nicht nach eigenem Augenschein gesehen) als er erfuhr, dass seine Reportage „Am Stehpult“ bei der Preisverteilung aus dem Rennen ist. In seinem im Spiegel erschienen Text über Horst Seehofer verwendete er Passagen, die Pfister nicht persönlich erlebt hat, sondern ihm berichtet wurden.

Der Einstieg in die Reportage geht so: „Seit neuestem hat auch Angela Merkel einen Platz in Seehofers Keller. Er hat lange überlegt, wohin er die Kanzlerin stellen soll. Vor ein paar Monaten dann schnitt er ihr Porträtfoto aus und kopierte es klein, dann klebte er es auf eine Plastikfigur und setzte sie in eine Diesellok. Seither dreht auch die Kanzlerin auf Seehofers Eisenbahn ihre Runden.” Doch Pfister gibt selbst zu, nie im Keller von Seehofer gewesen zu sein.

Die Jury begründet ihren Schritt folgendermaßen: „Wenn aber eine Reportage als die beste des Jahres ausgezeichnet und damit als vorbildlich hervorgehoben werden soll, muss sie besondere Anforderungen erfüllen. Pfisters Text erfüllt diese Anforderung nach Ansicht der Jury-Mehrheit nicht." Allerdings rügen sie den Autor nicht. „Die Jury betont aber, dass sie keinen Zweifel an der Korrektheit von Pfisters Fakten hat. Von einer 'Fälschung' kann keine Rede sein. Zudem besteht der weitaus größte Teil der Reportage aus eigenen Beobachtungen Pfisters, die er bei wiederholten Begegnungen mit Seehofer und bei dessen Begleitung auf Reisen gewonnen und zu einem sprachlich wie dramaturgisch gelungenen Text verarbeitet hat", heißt es in ihrer Erklärung. Der Spiegel reagierte darauf „mit Unverständnis" und warf der Jury mangelnde „Fairness" vor.


Das DU Cover. © Stephan Vanfleteren

Nun zu den angenehmen Begebenheiten der Preisverleihung. Stephan Vanfleteren, der seine erste Fotoausstellung in Deutschland in der FREELENS Galerie zeigte, gewann den Fotopreis. Als habe man es geahnt, heißt seine in DU veröffentlichte Reportage über Toni Ungerer „Es gibt was Neues hier seit gestern“.


© Stephan Vanfleteren

Hier die Übersicht der verbliebenen Henri Nannen Preisträger:

Beste fotografische Autorenleistung
Stephan Vanfleteren
 „Es gibt was Neues hier seit gestern“
Erschienen in DU-Zeitschrift für Kultur am 1. Dezember 2010

Beste investigative Leistung
Christine Kröger, „
Im Zweifel für den Staatsanwalt
“
Erschienen in Weser Kurier am 14.-16. Mai 2010

Herausragende humorvolle und unterhaltende Berichterstattung
Hans Zippert
, „Mich trifft der Schlag“
Erschienen in DIE WELT am 29. Oktober 2010

Sonderpreis
Susanne Leinemann
, „Der Überfall
“
Erschienen in ZEITmagazin am 2. Dezember 2010

Besonders verständliche Berichterstattung
Ulrike Demmer, Markus Feldenkirchen, Ullrich Fichtner, Matthias Gebauer, John Goetz, Hauke Goos, Jochen-Martin Gutsch, Susanne Koelbl, Christoph Schwennicke, Shoib Najafizada, Holger Stark, „
Ein deutsches Verbrechen“
Erschienen in DER SPIEGEL am 1. Februar 2010


Eingestellt von Gast in